Swami Veṅkaṭeśānanda

Swami Veṅkaṭeśānanda
(29.12.1921-2.12.1982)

„Das Geheimnis von Yoga liegt in seiner Schlichtheit.“

Unsere Yoga-Schule folgt der Traditionslinie von Swami Veṅkaṭeśānanda,einem direkten Schüler von Swami Śivānanda.
Anders als andere Schüler von Swami Śivānanda lehnte er es stets ab, einen eigenen Ashram zu leiten oder eine Organisation aufzubauen.
Seinen offiziellen Wohnsitz hatte er auf Mauritius, er selbst blieb aber immer ein Wandermönch, der überall zu Hause ist.
Diese unbequeme Freiheit wird in seiner einzigartigen, unkonventionellen und höchst undogmatischen Lehrweise deutlich.
Swami Veṅkaṭeśānanda erläutert die wichtigsten Yoga-Schriften auf intelligente, tiefsinnige, lebendige, humorvolle und zutiefst menschliche Weise.
Das habe ich bei keinem anderen Lehrer gefunden.
Zuerst begegnet ist mir Swami Veṅkaṭeśānanda in seinen außergewöhnlichen Schriften, und dann in seinem außergewöhnlichen Schüler, Friedrich Schulz-Raffelt, der mir den Auftrag gab, die von Friedrich gegründete und von Swami Veṅkaṭeśānanda eingeweihte und benannte Śivānanda-Yoga-Vedānta weiterzuführen.
Die ursprüngliche Yoga-Tradition der Upanischaden, auf der unser Vedānta-Weg beruht, stellt klar heraus, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, doch alle Suchenden ihren eigenen Weg gehen müssen (und dürfen!), um zur befreienden Erkenntnis dieser Wirklichkeit zu gelangen.
Auf diesem Weg, der keine Gefolgsamkeit verlangt, sondern den kühnen Mut zu eigenem Entdecken, Erleben und Erfahren ist Swami Veṅkaṭeśānanda ein sicherer Begleiter.

Barbara Franz, Januar 2018

Hier eine Auswahl seiner ins Deutsche übersetzten Schriften:

Der Yoga der Bhagavad Gītā

Gesang Gottes. Die Bhagavad Gītā für jeden Tag des Jahres

Die Geschichte hinter der <em>Bhagavad Gītā</em> (Vorwort)

Kann man in der modernen Welt ein Leben voller Frieden und Freude führen, frei von Anspannung, Sorge, Angst und Enttäuschung? Ja! Die Bhagavad Gītā zeigt den Weg dazu auf.
Diese Ausgabe enthält die Transliteration des Originaltextes und ihre wörtliche Übersetzung, die von Gurudev Śivānanda selbst stammt, gefolgt von einigen wenigen Gedanken, die dir zu deinen Füßen dargebracht werden. Sie ist kein Kommentar zur Bhagavad Gītā, aber sie kann als Ergänzung zu den Standardkommentaren nützlich sein. Sie ist als spirituelle Anregung gedacht, als Unterstützung zu einem besseren Verständnis der Schrift.
Am besten ist es, jeden Tag eine Seite zu studieren und dann selbst über die Verse zu meditieren. Durch die Gnade Gottes und des Guru wirst du aus dir selbst heraus helleres Licht empfangen und eine immer tiefere Einsicht in die spirituelle Wahrheit, die diese Schrift offenbart. Einzig mit diesem Ziel wird dieses Werk der Liebe zu Füßen des Herrn dargebracht, der in deinem Herzen weilt.
Hier ist die Geschichte des Mahābhārata in Kürze:
Zwei Brüder, Dhṛtarāṣṭra, der blind geboren wurde, und Pāṇḍu, der blutarm (weiß) geboren wurde, hatten hundert schlechte, beziehungsweise fünf fromme Söhne. Die bösen Söhne des ersteren wollten sich den Anteil ihrer Cousins am Königreich aneignen und versuchten. ihr Ziel mit allen Mitteln zu erreichen, mit rechten und mit unrechten. Gottes Gnade hat die Söhne Pāṇḍus jedoch aus allen Gefahren errettet. Die bösen Hundert bewirkten, dass die frommen fünf für die Zeitdauer von 13 Jahren verbannt wurden und als diese zurückkehrten, nachdem sie die Zeit des Exils erfolgreich hinter sich gebracht hatten, weigerten die Bösen sich rundheraus, ihnen ihren rechtmäßigen Anteil am Königshaus zu geben. Krishna, der Herr, der ein Freund der frommen Fünf war, unternahm einen letzten Versuch, die bewaffnete Auseinandersetzung zu verhindern; diese erwies sich dennoch als unvermeidlich.
Der unparteiische Krishna bot beiden Seiten seine Hilfe an: Sie konnten entweder ihn selbst wählen, oder seine große Streitkraft. Die bösen Hundert wählten seine Streitkraft und die frommen Fünf waren glücklich darüber, den verkörperten Gott auf ihrer Seite zu haben. Krishna diente Arjuna, einem der frommen Fünf, als Wagenlenker.
Dhṛtarāṣṭra, der blinde König, war zuversichtlich, dass die überlegene Stärke seiner Söhne, die zahlenmäßige Überlegenheit ihrer Kämpfer und die Anwesenheit des unvergleichlich tapferen Bhīṣma – der nicht gegen seinen eigenen Willen getötet werden konnte – ihnen den sicheren Sieg einbringen würde. Doch am zehnten Tag der Schlacht fiel Bhīṣma. Der Glaube des blinden Königs war erschüttert, und er rief Saṅjaya, seinen Minister zu sich, damit dieser ihm vom Kriegsgeschehen berichte.
Und nun lese weiter …

Einen guten Einstieg bieten die kurzen Einführungstexte aus der Bhagavad Gītā für jeden Tag des Jahres.
Dort stehen sie jeweils zu Beginn eines Monats (in Klammern angegeben), aber ihr Inhalt ist zeitlos gültig!

Wie der Yoga-Weg beginnt (Januar)

Krishnas Evangelium täte es keinerlei Abbruch, wenn das erste Kapitel der Bhagavad Gītā unbeachtet bliebe. Aber dann würde der Blinde blind und uneinsichtig bleiben, der Held würde sich weiterhin selbst betrügen und sich weigern, seine „Freunde“ und „Feinde“ vom richtigen Blickwinkel aus zu betrachten.
Mit dem Folgenden soll nicht behauptet werden, die Bhagavad Gītā oder das Mahābhārata sei ein Gleichnis. Dennoch wird man auch heute unmittelbar von der Lehre berührt, die sie erteilt. Die Schrift beginnt mit einer Frage des blinden Königs, die seine Besorgnis und sein Verlangen nach „Wissen“ zum Ausdruck bringt: Der spirituell blinde Mensch, der sich in einem falschen Gefühl materieller Sicherheit wiegt, muss anfangen, zu hinterfragen, muss wissen wollen. Tut er dies, tritt Saṅjaya auf. Saṅjaya ist Selbstbeherrschung, Disziplin (im Wortsinn also auch ein Wissensgebiet). Jemanden, der keine Disziplin hat, behandelt der Guru wie einen Gast! Damit lässt sich nicht viel anfangen.
Einen Guru braucht man auch dann noch, wenn man schon erwacht und diszipliniert (im Wissen geschult) ist. Andernfalls könnte es sein, dass man einen Fehler macht und diesen Fehler für die Wahrheit hält, darauf beharrt und das wiederum für Glaube, Liebe, Hingabe und so weiter hält. Ergibt sich der Schüler dem Guru und dient ihm, wird sein Herz geläutert und durchscheinend, sodass das Licht des Gurus ohne irgendeine Anstrengung von einer der beiden Seiten durch ihn hindurchstrahlt.
Auch Arjunas Verhalten erteilt uns wichtige Lehren. Er bittet Krishna, den Streitwagen zwischen die beiden Armeen zu fahren, damit er eine gute Sicht auf seine Feinde hat. Wir treten ins Leben und sind zum Kampf gegen unsere Feinde entschlossen. (Krishna sagt, dass diese Feinde in uns selbst sind!) Wir blasen das Muschelhorn, schlagen unsere Trommeln und stürzen uns ins Gefecht. Stolz bitten wir Gott oder beten zu ihm, uns zu führen (dorthin, wo wir unsere Feinde sehen können). Häufig führt er den Wagen unseres Lebens direkt zu jenen, zu denen wir die empfindlichsten Beziehungen haben – zu Bhīṣma, dem Großvater, und Droṇa, dem Lehrer. Auf geheimnisvolle Weise enthüllt er uns, dass wir durch unsere eigenes Selbstbild gebunden sind, durch unser blindes Anhaften an unsere Familientraditionen, unsere Kultur und unsere Vorfahren (symbolisiert durch Bhīṣma, den Großvater) und unsere Philosophie, unsere Glaubenssätze, unser Dogma, unseren Kult und religiöse Tradition (dargestellt durch Droṇa, den Lehrer). Diese – unsere inneren Feinde – teilen wir in Freund und Feind ein! Wir sind bereit und willig, auf einige Beziehungen zu verzichten (häufig auf die nebensächlichen und unwichtigen), aber wir hängen an der schrecklichen Kette, die uns fesselt. Wir geben Vater, Mutter, Eigentum, Heim und Wohlstand auf, aber wir hängen nach wie vor einer Kaste, einer Glaubensform, einer Tradition, einem spirituellen Führer und so weiter an. Letzterer scheint kein „Feind“ zu sein. Ohne zu erkennen, dass alles „mein“ auch „Feind“ ist, bemühen wir uns, eine spirituelle Begründung für diese neuen Bindungen zu finden und weigern uns ohnmächtig, in die Schlacht unseres spirituellen Lebens einzutreten.
Der spirituelle Held muss die inneren Feinde selbst erkennen; es genügt nicht, sie aufgrund der Zeugenaussagen anderer für Feinde zu halten. Das bedeutet nicht, dass man sich Versuchungen aussetzen oder sich in die Fänge der Sinnlichkeit begeben soll. Aber man muss das Schlechte selbst als schlecht erkennen und es nicht einfach für schlecht halten, nur weil ein anderer das gesagt hat!

Wissen und Handeln (Februar)

Die Bhagavad Gītā ist eine kleine Schrift in 700 Versen, ein Teil des Epos Mahābhārata, das die Auseinandersetzung zwischen den hundert bösen Söhnen des Dhṛtarāṣṭra und den fünf frommen Söhnen des Pāṇḍu schildert. Die Schrift wurde dem Krieger Arjuna von Krishna, der Inkarnation des Herrn, auf dem Schlachtfeld verkündigt.
Einige fragen sich: Wie konnten Krishna und Arjuna in der geistigen Verfassung sein, derer es bedarf, um über Yoga zu sprechen, während der Krieg über ihre Köpfe hinwegtobte? Aber kann es nicht sein, dass Krishna uns durch die bloße Tatsache, dass diese Schrift auf dem Schlachtfeld enthüllt wurde, eine Unterweisung erteilt? Die Philosophie ist nicht dazu da, um – in den Worten meines Meisters – „am Clubtisch diskutiert zu werden“ und auch nicht zurückgezogen in einem Lehnstuhl sitzend. Sie sollte nicht als intellektueller Zeitvertreib behandelt werden, sondern eine Waffe in unserem täglichen Lebenskampf sein. Das ist die einzige Absicht, in der diese wenigen Gedanken zu Füßen des Herrn dargebracht werden, der in deinem Herzen weilt.
Warum lässt Krishna sich auf all diese Diskussionen über die höchste Wahrheit ein? Aus einem ganz einfachen Grund: Handeln, dem kein wahres Verständnis zugrunde liegt, ist bereits Bindung. Jedes Handeln oder richtige Wissen, dem die rechte Einsicht zugrunde liegt, ist an sich Befreiung. So einfach ist es. Dasselbe wird uns auch ganz am Anfang des Yoga Vāsiṣṭha gesagt: Der Vogel fliegt nicht mit nur einem Flügel. Er hat zwei Flügel, und in der Mitte ist der Vogel. Der eine Flügel ist Wissen, der andere ist Handeln und in der Mitte ist das Leben! Dein Leben ist nicht nur Verstehen und nicht nur Tun. Hört der unerwachte Geist die umwälzende Philosophie der Bhagavad Gītā, kann er nur eines: Missverstehen. Bloßes Verständnis genügt also nicht. Das ist, wie wenn man mit nur einem Flügel zu fliegen versucht: unmöglich. Der zweite Flügel ist karma-Yoga, das Handeln, das für sich allein ebenso wenig ausreicht; es benötigt die Einsicht als anderen Flügel.
Wer ist der Täter der Handlung? Was an einem Punkt der Täter der Handlung ist, ist am anderen Ende der Erfahrende der Handlung. Wenn du beispielsweise einen Stock nimmst und jemanden damit schlägst, dann bist du der Schlagende und der andere ist der Geschlagene. Dein Handeln ist seine Erfahrung und sein Handeln ist deine Erfahrung. Daher sind wir alle aneinander gebunden, durch jede Handlung zusammengebracht, die von einem zum anderen führt. Mit einem klaren Verständnis dessen wirst du dir augenblicklich des inneren Ursprungs dieser Handlung und damit des Ursprungs der Erfahrung gewahr. Der Ursprung des Ausdrucks, der Handlung, ist der Ursprung der Erfahrung. Am einen Ende des Stocks wird es Ausdruck genannt, und am anderen Ende Erfahrung. Ihr beide, du und der andere, seid eins. Es ist derselbe, der schlägt und der geschlagen wird.
Das ist nicht dasselbe wie: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu“. Diese Maxime geht von einer Zweiheit aus, hier hingegen gibt es keine Zweiheit. Der Stock ist nur einer. Am einen Ende wird das, was geschieht, Ausdruck genannt und am anderen Ende wird es Erfahrung genannt. Demnach schlägst du nicht und niemand wird geschlagen, der Stock springt nur umher! Wenn diese Wahrheit-in-der-Tat unmittelbar erkannt wurde, entsteht Weisheit jenseits von Eindruck und Ausdruck.

Krishna und Jesus - wirklich zwei? (März)

In diesem Abschnitt der Gītā stehen wir an der Schwelle zu einer umwälzend neuen Auffassung des Glaubens. In der volkstümlichen Meinung war Glaube oder Religion zu allen Zeiten gleichbedeutend mit Kirchgang, dem Singen von Hymnen, Klosterleben, Fasten und Festen. In dieser Sichtweise gelten die Welt und Arbeit als Gegensätze zur Religion. Krishna versetzt dieser falschen Auffassung einen empfindlichen Schlag. Er zieht Dienst ohne Glauben einem Glauben ohne Dienst vor! Im Leben desjenigen, der ersteres praktiziert, besteht eine Leere, ein Vakuum, das früher oder später mit Gott gefüllt werden wird, während derjenige, für den letzteres gilt, bereits angefüllt ist, und zwar mit Unsinn. Deshalb kann der berichtigende Einfluss, der Religion und Dienst wieder in das rechte Gleichgewicht bringt, möglicherweise erst dann wirken, wenn dieser Pseudo-Glaube ganz abgebaut wurde.
Nur Gott kann dieses Gleichgewicht wiederherstellen – und dies tut er, indem er sich immer wieder auf dieser Erde verkörpert. Zwei dieser Verkörperungen beherrschen die Herzen der heutigen Menschheit: Krishna und Christus. Sind sie wirklich zwei? Klingen nicht sogar ihre Namen ähnlich? Und ihre Leben … und ihre Lehren?
Christus wurde im Stall geboren, Krishna in einer Gefängniszelle.
Beide wurden unmittelbar nach der Geburt an weit entfernte Orte verbracht. Ersterer aus Furcht vor Herodes, letzterer aus Furcht vor Kaṁsa, die beide die Landesherrscher waren.
Beide haben schon früh in ihrem Leben versucht, weitreichende Reformen in der Art der Religionsausübung zu bewirken.
Beide beherrschten die Elemente.
Beide betonten die große Macht der Glaubens: Christus sagte, dass der Glaube Berge bewegen kann, und Krishna führte dies vor, indem er mit seinem kleinen Finger einen Berg anhob.
Beide gaben wunderbare ethische und spirituelle Unterweisungen. Die „Bergpredigt“ und die Bhagavad Gītā enthalten dieselben Perlen der Weisheit.
Beide wurden von einigen als Gott verherrlicht und von anderen verlacht.
Beide wurden getötet.
Beide segneten ihre Folterer. Christus vergab ihnen; Krishna bestand darauf, dass der, der ihn getötet hat, noch vor ihm in den Himmel aufstieg.
Auch die Legende, die erzählt, dass Krishna über sechzehntausend Frauen geheiratet hat, bedeutet vielleicht nur, als dass es zu der Zeit, als seine Lebensgeschichte aufgeschrieben wurde, mehr als sechzehntausend christliche Nonnen gab, von denen jede als Braut Christi gilt.
Sind sie zwei oder einer? Historiker beeindrucken uns mit wohlbegründeten Argumenten, die belegen sollen, dass Christus vor zweitausend Jahren gelebt hat, Krishna hingegen (falls überhaupt) fast vier- oder fünftausend Jahre früher. Doch Jahrtausende sind in prähistorischen Berechnungen nur wie Stunden in der gegenwärtigen Geschichte! Könnte es sein, dass Christus ein bisschen früher und Krishna ein bisschen später gelebt hat als gegenwärtig angenommen wird? Könnte es sein, dass wir über denselben Menschen sprechen, den einige Christus und andere Krishna nennen?
Im Leben von Christus gibt es eine „fehlende Zeit“. Einige versuchen sie auszufüllen, indem sie davon ausgehen, dass er in den Osten gereist sein muss. Es ist gut möglich, dass einige der Geschichten aus Krishnas jungen Lebensjahren ebenfalls „Füllsel“ zur Überbrückung fehlender Zeiten sind.
Alle Vermutungen sind gewagt. Aber wenn Gott die Wahrheit enthüllt, kann es dann nicht sein, dass er uns alle – Hindus und Christen – in der Erkenntnis verbindet, dass wir alle wirklich Brüder und Schwestern sind, die dieselbe Gottheit verehren?

Schrittweises Üben (April)

Das strahlende Licht Krishnas erhellt das Innere des Menschen! „Glaube“ bekommt eine ganz neue Bedeutung: Das Leben leuchtet mit einer göttlichen Absicht. Der kläglichen Individualität des Menschen wird ein tödlicher Schlag versetzt, nur damit er in Gott und als Gott wiederaufersteht. Schritt für Schritt werden wir in das Herz der Wirklichkeit geführt, wo es nichts gibt außer Gott und wo auch das sichtbare Universum nichts anderes als der Körper Gottes ist.
Das kleine Ich bestätigt sich selbst. Es hat seine eigenen, belanglosen Verlangen und Wünsche, Anhaftungen und Abneigungen, Dogmen und Glaubenssätze. Krishna ermahnt uns: „Dies muss verschwinden.“ Das ist die Bedeutung von saṁnyāsa (Entsagung).
Wir sollten wahres saṁnyāsa üben, ohne dies zu verkünden. Es ist nicht für andere bestimmt, sondern für uns selbst. Es zu verkünden, würde manche zu Widerstand herausfordern und andere zu Heldenverehrung verleiten, sodass das Ziel verfehlt würde. Tatsächlich ist folgendes eine weise Regel, wenn du deinen Geistesfrieden schätzt: Lasse niemand anderen die innersten Geheimnisse deines Lebens wissen, das, was du am meisten schätzt und zu erlangen wünschst – oder du wirst deine verletztlichsten Punkte entblößen.
Krishna rät zu schrittweisem Wachstum oder zu langsamer Entwicklung, nicht zu einer Umwandlung über Nacht oder zu Revolution. Du magst versucht sein, zu schwören: „Ich werde von jetzt an vollkommen selbstlos sein.“ Erliege dieser Versuchung nicht! Halte dem Geist das Ideal jeden Tag andächtig vor Augen. Wenn du ein Gelübde ablegst, rufst du nur alle schlummernden inneren Feinde (und äußeren Mächte) auf den Plan, die dich zwingen, das Gelübde schon am nächsten Tag zu brechen. Hast du nicht bemerkt, dass du an dem Tag, an dem du dich zum Fasten entschließt, früher hungrig wirst als sonst? Wenn das Gelübde gebrochen wurde, wirst du weitere Zeit und Energie in nutzlosem Bedauern vergeuden.
Durch Gottes Gnade werden wir zu gegebener Zeit siegreich sein!

Eigenes Erfahren - das paradoxe Ziel des spirituellen Abenteuers (Mai)

Jetzt kommen wir zu einem aufregenden Teil der Schrift, in dem Krishna uns den Schlüssel zum Reich ewiger Seligkeit aushändigt.
Wenn wir den spirituellen Weg des Yoga betreten, sollten wir darauf vorbereitet sein, einem Rätsel nach dem anderen zu begegnen. Wie wir auf unsere Umgebung und die sich bietenden Gelegenheiten reagieren, wird weitgehend durch unsere eigenen Vorprägungen bestimmt, die hauptsächlich aus früheren Verkörperungen mitgebracht wurden. Diese Prägung ist aber nicht absolut und es steht uns sogar zu, das ganze hässliche Bild der vergangenen boshaften Neigungen aufzulösen, indem wir uns darum bemühen, wach und wachsam zu sein, sie zu sehen, zu erkennen und durch umsichtiges Ausüben des freien Willens mitsamt ihrer Wurzeln zu entfernen. Zwar sind wir ganz auf die göttliche Gnade angewiesen, was die spirituelle Übung und den spirituellen Fortschritt angeht, dennoch wird der Herr dem weiterhin wie ein schweigender Zeuge zusehen. Wir gebrauchen sozuagen unsere eigenen Mittel, aber wie sehr uns auch bemühen, die letzte Erfahrung ist Gottes Geschenk, das er uns gewährt, sobald kein ichbezogener Empfänger mehr da ist. Wir werden es natürlich nicht wissen, wenn dieses falsche Ich vollkommen aufgehoben wurde, denn wer wäre dann da, um es zu bemerken? Dies sind einige der verwirrenden Paradoxe, denen wir auf unserem Weg zu Gott begegnen – aber ein intelligentes Verstehen der Grundsätze, um die es geht, macht diese Suche zu einem hochinteressanten spirituellen Abenteuer.
Bei den spirituellen Übungen hilft uns der Guru, ohne den wir uns leicht verirren könnten. Auch geistige Weggefährten können hilfreich sein. Doch niemand anderes als dein eigener, reiner, geläuterter Geist kann dich zu Gott führen. Dieser reine Geist ist dein bester Freund. Auch die Unterweisungen des Guru müssen vom Geist aufgenommen und zu eigenen Erfahrungen gemacht werden. Ansonsten wäre die Übung nur eine leblose Nachahmung. Würde der Guru dir alles vorsagen, blieben deine inneren, gottgegebenen Fähigkeiten ungenutzt. Das würde zu Stumpfheit und spirituellem Selbstmord führen. Die große Wahrheit musst du selbst erkennen.
Das moderne wissenschaftliche Wissen ist in dieser Hinsicht höchst unwissenschaftlich. Es hat ein Etikett für alles, einschließlich des Ausdrucks inneren Erlebens und der Erfahrungen. Das beraubt uns unserer größten Gelegenheit, innig und unmittelbar zu wissen. Die Wörter „unendlich“, „ewig“, „absolut“, die uns auf einer Druckseite begegnen, schaffen in uns eine Illusion des Verstehens und Wissens und damit hindern sie uns daran, unmittelbares und inniges Wissen über die wahre, innere Bedeutung dieser Wörter zu bekommen – nicht über ihre Wörterbuchbedeutung, sondern über die Wahrheit, auf die sie verweisen. Natürlich können wir all diese Krücken benutzen und so selbstgefällig sein, auf unsere eigenen Beine zu verzichten. Vorsichtig warnt Krishna uns immer wieder vor solcher spiritueller Faulheit und Sklaverei.

Leben und Sterben (Juni)

Yoga ist sowohl Philosophie als auch Religion – ohne den sektiererischen Beiklang dieser Begriffe, sondern in ihrer eigentlichen Bedeutung. Er ist die Liebe zur höchsten Weisheit und er ist eine praktische Möglichkeit, zu erkennen, dass das Selbst Gott ist.
„Das Leben ist kurz, die Zeit flieht“, mahnte unser Meister immer wieder. Er sagte: „Es ist schwierig, als Mensch geboren zu werden, deshalb versuche dein Möglichstes, um das Selbst in diesem Leben zu erkennen.“ Wir wissen, dass wir früher oder später vollendet sein werden, doch warum sollten wir das Selbst nicht in genau diesem Leben erkennen, nachdem wir dieses menschliche Leben nun schon erlangt haben?
Was geschieht, wenn jemand diese Welt verlässt? Wohin geht er und was für ein Leben nimmt er dann an? Was kann ich tun, um eine Wiedergeburt in dieser Welt des Schmerzes und des Todes zu vermeiden? Was ist das Ausmaß dieses Universums und seine Lebensdauer? All diese und viele andere Fragen werden vom Herrn in dieser heiligen Schrift, der Bhagavad Gītā, erörtert und beantwortet. Im sechsten Kapitel haben wir festgestellt, dass seine Auffassung von Meditation ganz anwendungsbezogen ist. Nun gibt er uns weitere praktische Unterweisungen, die es uns einerseits ermöglichen, stets an ihn zu denken und andererseits die Seele in einer besonderen Weise vom Körper abzuziehen (wenn die Zeit für uns gekommen ist, diese Welt zu verlassen) und damit willentlich einen großen Schritt in Richtung Befreiung zu tun

Der Königsweg zu Selbsterfahrung (Juli)

In der Bhagavad Gītā schlägt der Herr eine neue Methode zur Selbsterkenntnis vor. Unter den Methoden, die bereits zuvor bekannt waren, gab es jene, bei denen wir unsere Augen vor der Welt verschließen, in die Abgeschiedenheit gehen und durch einen Vorgang des nach innen gerichteten geistigen Blicks das Licht des Selbst im Innern wahrnehmen. Andere legten Wert darauf, dass wir unsere Pflichten erfüllen und der Menschheit mit der alleinigen Absicht der Selbstläuterung dienen, ohne zu erläutern, wie daraus der nächste Schritt folgt.
Krishnas Genialität zeigt sich darin, dass er aufzeigt, wie dieselben Pflichten und der Dienst, zu deren Ausführung wir täglich gezwungen sind, nicht nur zu unserer Läuterung beitragen, sondern dazu, uns Gott zu offenbaren (zu enthüllen), damit wir ihn sehen können! Doch wie können wir ihn sehen?
Wir sollen die Welt sehen, aber nicht als Welt, sondern als Verkörperung Gottes, seiner Macht und seiner Herrlichkeit. Dies ist, als ob wir mit weitgeöffneten Augen im Kino säßen und nicht die bewegten Bilder sehen würden, sondern auch die Leinwand, auf die sie projiziert werden. Versuche es!
Das Wesentliche dieser Methode ist, die Grundlage, Gott, zu sehen, obwohl man den Namen und die Gestalt sieht. Begegnest du einem weisen Menschen, erinnerst du dich sogleich daran, dass die Weisheit in ihm Gott ist. Du lernst, sie von Name und Gestalt (und ähnlichem) zu unterscheiden und nimmst nur sie wahr, unter Ausschluss von allem anderen; dann erkennst du, dass sie eine Verkörperung Gottes ist.
Dies erfordert strenge vorhergehende Disziplin und Schulung; die entsprechende Übung wurde im sechsten Kapitel beschrieben. Auch der moderne Zen-Buddhismus führt seine Anhänger auf diesem Königsweg zur Selbsterkenntnis. Zuerst siehst du den Baum, dann siehst du die Leere und dann siehst du wieder den Baum! Doch beim zweiten Mal bist du, obwohl der Baum derselbe ist, ganz verändert und deine innere Schau ist erleuchtet. Darin unterscheiden sich ein Laie und ein Weiser – letzterer ist erleuchtet. Mögest du als erleuchteter Weiser erstrahlen!

Eines in allem erkennen (August)

In diesem Monat wird der Höhepunkt erreicht.
Es ist eine ungeheure Verschwendung von Wissen und Weisheit jeglicher Art, wenn diese nur unseren Verstand oder unser Herz schmücken. Wir dürfen Mut zu unseren eigenen Überzeugungen haben und sie leben. Was wir als die höchste Wahrheit erkannt haben (wenn auch mit unserer eigenen, begrenzten Schau), muss zu einer Erfahrung werden, denn nur dann können wir ihre Gültigkeit überprüfen. Vielleicht irren wir uns; das ist menschlich. Doch wenn wir keinen Wagemut haben, sondern zögerlich stehen bleiben, anstatt den entscheidenden Schritt zu tun, dann kann es sein, dass wir mit einer großen Last in unserem Herzen sterben – der Last einer Unwahrheit, die als die Wahrheit missverstanden wurde! Du solltest also auf jeden Fall schauen, bevor du springst. Schaue ein zweites und ein drittes Mal, aber, um Himmels willen: Springe!
Arjuna springt und ihm wird die göttliche Schau gewährt. Aus dieser Erfahrung ergeben sich verschiedene Tatsachen, die in diesem Monat erörtert werden.
Solange wir das Universum nicht als Gottes Körper sehen, bleiben wir außerhalb des inneren Hofs des Yoga. Karma-Yoga ist nur möglich, wenn wir erkennen, dass wir eins mit Gott und daher eins mit allem sind. Bhakti-Yoga ist kindisch, wenn er auf das Verehren von Idolen beschränkt bleibt und nicht auch karma-Yoga einschließt. Jñāna-Yoga verkommt zu intellektueller Gymnastik, wenn die Wahrheit nicht erkannt wird. Wird das Universum aber als Gottes Körper erkannt, und Gott als das innewohnende, allgegenwärtige Bewusstsein, dann hallt eine große und ermutigende Bestätigung des Trostes in jeder Zelle unseres Seins wider. Jñāna-Yoga führt uns zu nimitta bhāvanā – „Ich bin nur ein Werkzeug in den Händen Gottes“ – was kein Gefühl und keine Einstellung ist, sondern eine lebendige, wenn auch unausgesprochene Wahrheit. Die Befreiung aus der Knechtschaft der Unwissenheit ist Befreiung von diesem geheimnisvollen Ichbewusstsein.
Der Weise des kosmischen Bewusstseins erkennt, wie Gott durch ihn wirkt, sozusagen zum Nutzen des Universums, das ebenfalls Gott selbst ist. Höchster Friede herrscht in dem Herzen, das von dieser Wahrheit belebt wird!

Krishnas Yoga vereint alle Yoga-Wege (September)

Der große Indologe Heinrich Zimmer würdigt die Bhagavad Gītā in beredten Worten: „Die Bhagavad Gītā ist die beliebteste, weithin verbreitete, maßgebliche Darlegung der Grundprinzipien des religiösen Lebens Indiens“ schreibt er, und weiter: „In den großen Paradoxien der epochemachenden Bhagavad Gītā geschah es, dass sich das nicht-brahmanische, vorarische Denken des ursprünglichen Indien zu einem fruchtbaren harmonischen Zusammenklang mit den vedischen Ideen der arischen Eroberer verband. In den achtzehn kurzen Kapiteln wird ein kaleidoskopisches Ineinanderwirken der zwei Traditionen entfaltet, die sich etwa ein Jahrtausend lang um die Beherrschung und Lenkung der indischen Seele gestritten hatten.“ [Die Philosophien Indiens, Frankfurt: Suhrkamp, 1975 (1961), S.339]
Krishnas Genialität liegt in der Synthese. Der Grundton, der sich durch die gesamte Schrift zieht, ist die kühne Verkündigung der Wahrheit, dass diese Synthese die unvermeidliche Folge der Erkenntnis ist, dass allein die Wirklichkeit (Gott) existiert und selbst die scheinbare Vielheit und die scheinbare Unterschiede in ihm aufgelöst werden müssen. Zu allen Zeiten Gott allein zu lieben heißt nicht, Gott zu lieben und alle anderen zu hassen. Wir lernen, Gott in allem zu lieben. Um uns nicht selbst etwas vorzumachen, vergessen wir dabei nicht, dass wir alle einander aufgrund seiner Allgegenwart lieben – aus Gottesliebe – und achten darauf, dass dabei keine persönliche Anhaftung besteht.
Obwohl jeder den Weg wählen kann, der seiner Veranlagung entspricht, fordert Krishna uns auf, auch auf unserem Yoga-Übungsweg verschiedene Ansätze miteinander zu verbinden. Hingabe, Dienst, meditatives Zusammensein und intuitive Erkenntnis sind für jeden von uns wichtig.
Nimm Gott in dich auf. Spüre ihn in überall in dir. Er erfüllt dich jetzt. Gib dich in Gott hinein; spüre, dass du ein Teil von ihm bist. Jetzt ist Gott überall um dich herum – in allem, als alles. Nun ist er das Alles-in-allem, allgegenwärtig. Du begrenzt ihn nicht auf dich selbst und du schiebst ihn auch nicht beiseite! Durch eine Reihe von Widersprüchen führt Krishna uns zu seinen Lotosfüßen, auf Schritt und Tritt geleitet von Weisheit und Zusammenschau.

Die befreiende Einsicht (Oktober)

Die indische Mythologie kennt eine Geschichte, in der der Herr (Trivikrama) Himmel und Erde mit zwei Schritten ausmisst und seinen Fuß mit dem dritten und letzten Schritt auf den Kopf des Menschen setzt, wodurch er die drei Welten miteinander verbunden hat [vgl. Śrīmad Bhāgavataṁ, 5.17]. Diese Parabel wurde auf unterschiedliche Weisen gedeutet. Er, der Unsterbliche, wird in allen geboren und lebt und stirbt in ihnen; er, der ewig Wache, ist wach, träumt und schläft im Bewusstsein des Einzelnen. Er ist der Schöpfer, Bewahrer, Erlöser und das, was sie alle überschreitet und als die ihnen zugrundeliegende Einheit existiert.
Hier, im 14. Kapitel der Bhagavad Gītā, wird uns eine Schau des höchsten Seins gewährt, das
1. den Urgrund aller vergänglichen Wesen bildet,
2. der Urgrund des unvergänglichen göttlichen Funkens ist, der in ihnen allen besteht, und
3. frei von allen Begrenzungen der Vereinzelung und der Berührung mit den sich ewig wandelnden Erscheinungen, sie alle überschreitet.
Er ist das höchste Sein, das alles überschreitend allem innewohnt. Er ist die lebensspendende Substanz der Pflanze, er ist das Verdauungsfeuer des Menschen, er ist das Licht der Sonne.
Wer seine Augen und Ohren offen hält, kommt tatsächlich nicht umhin, dieses höchste Sein in jedem Augenblick seines Lebens zu erkennen. Den Wissenschaftlern zufolge wird das gesamte Universum implodieren und zu einer Raum-Zeit-Singularität werden. In dieser Singularität, in diesem einzigen Punkt ist also das gesamte Universum – alles eins. Dies ist die intensivste aller Mischungen. Wir sind alle eins.
Dieses göttliche Geheimnis zu verstehen, befreit nicht nur von Bindung, sondern auch von Kummer, hier und jetzt.

Das Böse überwinden (November)

Der Monat beginnt in einer eher negativen Stimmung. Zwar ist das Böse nicht absolut, doch auch sein vorübergehendes Dasein ist so beängstigend, dass wir es nicht einfach übersehen können. Andererseits wäre es ebenso sinnlos, unser Leben mit Klagen über das Böse zu veschwenden. Krishna weist ihm genau den Rang zu, der ihm entspricht: Es ist eine Ausschilderung des falschen Wegs, ein Warnhinweis, ein Leuchtfeuer, das den Steuermann leitet.
Worin liegt dieses Böse? Was ist Sünde? Wie überwindet man sie? Vergibt der Herr uns? Können wir unser Schicksal zum Guten wenden? All diese Fragen wurden von Gelehrten und Laien endlos erörtert.
Eines Tages sprach ich mit einigen Übenden angesichts der genannten Probleme über das Gesetz des karma und sagte: „Wenn ihr nicht wollt, dass ein Same aufgeht, den ihr gesetzt habt, dann müsst ihr den Spross ausreißen. Um den Samen fassen zu können, müsst ihr genauso tief graben wie beim ursprünglichen Setzen des Samens.“ Eine Frau im Publikum lachte lauf auf, weil sie genau das am Tag zuvor in ihrem Garten getan hatte!
Rajas (Aktivität), das auf tamas (Dummheit) beruht, ist sündig oder böse. Um es aufzuheben, sollten wir uns auf rajas besinnen, das auf sattva (Reinheit) beruht. Die Intensität und die „Tiefe“ sollte in beiden Fällen zumindest die gleiche sein. Falls irgendein Unterschied besteht, dann der, dass die zweite Grabung tiefer geht als die erste.
Zu allen Zeiten haben die Menschen sich zum Zweck der Befreiung von Sünden tapas bedient, der Askese. Was bewirkt tapas? Es verbrennt (tapas bedeutet „Brennen“) das Böse (den Schleier oder Nebel), enthüllt die Wahrheit und berichtigt die Fehlwahrnehmung. Irrtümlich haben wir den unwirklichen Körper, die Sinne und die Welt für die Wirklichkeit gehalten und sind so dem Bösen in die Falle gegangen. Diese Fehldeutung muss durch die richtige Erkenntnis Gottes als dem Selbst und der einzigen Wirklichkeit ersetzt werden. Das wird nicht durch das einfache Aussprechen einer vorgegebenen Formel wie ahaṁ brahmāsmi [„Ich bin Brahman“] bewirkt, sondern durch unsere Gedanken, Worte und Taten. Damit es kein Selbstbetrug ist, kasteien wir läutern wir den Körper und die Sinne. Häufig lehnt das selbstbetrügerische Ich sich dagegen unter dem Vorwand irgendeiner vorgefertigten Philosophie dagegen auf. Werden die Übungen jedoch mechanisch ausgeführt, ohne den Schleier der Unwissenheit zu verbrennen, kann es gut möglich sein, dass ebendieses tapas dem Ich neue Nahrung gibt! Nur das mit kluger Disziplin selbstauferlegte „Leid“ hebt auch äußeres karma auf, denn dabei stellt man sich dem karma, das eine „Wiederherstellung des Gleichgewichts“ erfordert, anstatt davor zu fliehen, und arbeitet es willentlich ab.
Krishna gibt tapas allerdings eine neue Bedeutung: Es ist einfache, schlichte Lebensführung und Güte. Du wirst rasch erkennen, wie dies den Schleier der Unwissenheit regelrecht zerstört, indem es den Geist und die Sinne davon abhält, in sinnlichen Genüssen zu schwelgen und so der Täuschung neue Nahrung zu geben.
Böses, das einem anderem angetan wurde, ist durch Selbstbestrafung jedoch nicht aus der Welt zu schaffen. Der Angegriffene muss dem Angreifer vergeben, wie die Bibel deutlich macht. Diese Tatsache wird auch durch eine interessante Begebenheit aus dem Leben von Śrī Gauraṅga [Caitanya Mahāprabhu, 1486-1534, Heiliger und Gesellschaftsreformer in Ostindien] veranschaulicht: Obwohl er die Sünden eines Übeltäters auf sich genommen hatte, konnte dieser keine Geistesfrieden finden, solange diejenigen, denen er Unrecht getan hatte, ihm nicht vergeben hatten.
Verglichen mit unseren schwachen Versuchen, den gesetzten Samen auszureißen, ist Gotteserkenntnis oder Selbsterkenntnis wie ein Erdbeben. Sie vernichtet alle Sünden, alle sündigen Neigungen und die Wurzel aller Sünden: die Unwissenheit über Gott.
Wahre Buße und Versöhnung geschehen, wenn erkannt wird, dass das Selbst eins mit Gott und alles Böse nur ein Traum und unwirklich ist. Der bloße Versuch, das Selbst zu erkennen, befreit von großer Furcht, sagt der Herr, und aufrichtiges Gebet zum Herrn kann uns seine allesvergebende Gnade einbringen. Wann wissen wir, dass seine Vergebung erlangt wurde? Wenn nicht einmal mehr böse Gedanken in uns entstehen.

Die Vollendung (Dezember)

Das Ziel ist in Sicht. Das ist alles, was das geläuterte Ich aus sich selbst heraus (wenn auch mit der unverzichtbaren Hilfe durch die göttliche Gnade) erlangen kann. Auch die goldene Fessel wird noch binden und die goldene Nadel wird noch stechen.
Güte ist gut. Leben heißt, sich vom Übel abzuwenden – es von hinten zu lesen [Wortspiel mit engl. to live, „leben“ und evil, „Übel“, „Böses“]. Doch das genügt nicht, denn zu „leben“ enthält den Samen alles Übels (das wie Nebel ist) – das „Ich“ [engl. I]. Wenn das „Ich“ klein (i) und zu einem einfachen Bestandteil des Lebens geworden ist, wird aus „leben“ „lieben“, was Gott ist. Dann ist das i darin, die 1, das Eine ohne ein Zweites. Erst die vollständige und umfassende Selbsthingabe an dieses Eine in allem lässt den Suchenden göttlich, vollkommen und ewig (beständig) werden. Dies ist der Höhepunkt der Evolution.
Seltsamerweise ist solche Hingabe nicht ohne Selbstbeherrschung möglich, die erfordert, dass auch das Ich in der richtigen Weise eingesetzt wird. Wir können Körper, Geist und Seele nicht bewusst und willentlich an Gott übergeben, solange wir nicht wissen, was diese sind! Alle ethische Disziplin, alle Regeln der Moral, alle geistig-körperlichen Yoga-Übungen zielen darauf ab, mit unserer Persönlichkeit zurecht zu kommen; nicht, um diese zu stärken, sondern um die Erkenntnis zu bewirken, dass alle unsere Stimmungen und Handlungen, ob sie dumpf, dynamisch oder göttlich sind, ihren Ursprung in Gott haben. Erst in dieser Erkenntnis löst das Ich sich auf, Demut entsteht und wahre Ergebung stellt sich auf natürliche Weise ein. „Entsage allem, jedem, mir“, sagt Krishna. Ein Lippenbekenntnis zur Hingabe ist nicht genug. Zwischen bewusster Selbsthingabe und unbewusster Untätigkeit besteht derselbe Unterschied wie zwischen Überbewusstsein und Schlaf, wie dazwischen, eine Frucht Gott darzubringen oder sie verfaulen zu lassen, weil man sie vergessen hat. Wenn das ichbezogene Selbst hingegeben wurde, erstrahlt das höhere Selbst (Gott) in seiner eigenen Herrlichkeit. Dies ist unser Ziel, weniger ist nicht genug. Mögen wir es erreichen, jetzt und hier.

Den englischsprachigen Originaltext der Bhagavad Gita mit Kommentaren von  Swami Veṅkaṭeśānanda finden Sie auf swamivenkatesananda.com.

Im Zwiegespräch mit Krishna (überarb. 2017) – Einleitung zu „Gesang Gottes. Die Bhagavad Gītā für jeden Tag des Jahres“.
Dialogue with Krishna. Introduction to Song of God. Bhagavad Gita Daily Readings. 4th ed. 1984.
Krishna lehrt Arjuna den Yoga im vertrauensvollen Zwiegespräch unter Freunden, von Herz zu Herz. An dieser Nähe lässt uns Swami Veṅkaṭeśānanda in dieser Einleitung zu „Gesang Gottes“ teilhaben, in der er den Yoga-Weg der Bhagavad Gītā zusammenfasst und erläutert. Suchende finden hier Antwort auf die grundlegende Frage: Wie können wir in dieser Welt in Frieden leben?

Die Weisheit der Bhagavad Gita
Springs of Action. The Wisdom of the Bhagavad Gita.CYT WA, 1975.
„Das kosmische Sein ist Bewusst­sein – das ist die Wahrheit. Darauf beruht dein ganzer Yoga und falls man behaupten darf, dass Yoga ein Ziel, einen Zweck hat, dann ist es, dies unmittelbar zu erkennen.“
Undogmatisch und lebensnah zeigt Swami Veṅkaṭeśānanda, wie das in der Meditation und im Alltag möglich wird.
Im englischsprachigen Original: Springs of Action (1977)

Über das dritte Kapitel der Bhagavad Gītā:
Natürlich Handeln
Natural Action. Talks on the 3rd Chapter of the Bhagavad Gita. CYT WA, 1978.
„Die Bhagavad Gītā hat eine unmittelbare Bedeutung für dich und mich, weil es darin um das grundlegende Problem geht, das jedem von uns in unserem eigenen Leben begegnet – das Problem menschlicher Beziehungen, das Problem des Handelns, das Problem des Lebens selbst.“ Wie können wir entscheiden, was in einer Situation das Richtige ist?

Über das dreizehnte Kapitel der Bhagavad Gītā:
Feldforschung
The Mine Field. Talks on the 13th Chapter of the Bhagavad Gita: The Field and the Knower of the Field … CYT WA, 1979.
„Dieser Körper, o Arjuna, wird das Feld genannt; wer es kennt, wird von denen, die davon wissen, also von den Weisen, der Kenner des Feldes ge­nannt“, so beginnt das 13. Kapitel der Bhagavad Gītā über „das Feld und den Kenner des Feldes“. Weil in allen Feldern dasselbe wirkt, ist mein Körper der nächstliegende Ort, an dem die Wirklichkeit erfahrbar wird.
Swami Veṅkaṭeśānanda erläutert auf alltagsnahe und humorvolle Weise, wie wir eigenes Erleben zu „Feldforschung“ nutzen können. Dann wird das explosive „Minenfeld“ der Persönlichkeit zum fruchtbaren Boden der Yoga-Erfahrung.
Im englischsprachigen Original: The Mine Field (1979 WWW 2008)

Yoga Vāsiṣṭha:

Vielfalt in Einheit
Multiple Reflections. 1988.

Yoga leben:

Christus, Krishna und Du
Christ, Krishna and You.

Die Göttin und die Dämonen
The Cosmic Danse. CYT, Rose Hill/Mauritius, 1092.
Das Devī Māhātmyam erzählt vom Sieg der Göttin über die Dämonen.
Die alte indische Legende wird sehr aktuell, sobald wir erkennen, dass die „Dämonen“, das Böse, das uns angreift und uns zu vernichten droht, nur der Ausdruck unserer eigenen Unwissenheit ist. In dieser Einsicht siegt die Göttin auch in uns!
Im englischsprachigen Original: The Cosmic Dance (1982)

Mehr von und über Swami Veṅkaṭeśānanda

finden Sie auf diesen Seiten:

Swami Venkatesananda – Umfassende Sammlung von Schriften, Fotos, Audio- und Videoaufnahmen von Swami Veṅkaṭeśānanda, zusammengestellt vom Chiltern Yoga Trust Westaustralien, der die Rechte an den meisten Schriften von Swami Veṅkaṭeśānanda hält und verwaltet – danke für die Genehmigung zur Veröffentlichung der deutschen Übersetzungen!

Venkatesa Library – Bibliographie der Schriften von und über Swami Veṅkaṭeśānanda in Englisch, Deutsch und weiteren Sprachen, Texte und Fotos, Linksammlung zusammengestellt von Sadaśiva, dem „inoffiziellen Bibliographen“ von Swami Veṅkaṭeśānanda, Bangkok – danke für die Anregung zur deutschen „Venkateśa-Bibliothek“ und freundschaftliche Unterstützung!

Derzeit (März ’18) leider down: Venkatesaya – Schriften in Englisch und zum Teil in Niederländisch, in frischem und klarem Design, mit inspirierenden Zufallszitaten auf der Startseite. Ein weiteres Highlight ist der Film „Through the Corner of His Eyes„, der 1982 über Swami Veṅkaṭeśānanda aufgenommen wurde.

Please find here an translated excerpt of a Talk by Friedrich Schulz-Raffelt on The Beginnings of Yoga in Germany, his great teacher Swami Veṅkaṭeśānanda and 18 practical yoga excercises found in Patanjali’s Yoga Sutra, held in November 2012, at Monastery Bernried / Lake Starnberg, Upper Bavaria.

Śrī Friedrich Schulz-Raffelt: Begegnung mit Swami Veṅkaṭeśānanda

Swami Veṅkaṭeśānanda lernte ich 1970 kennen, als er – wie in den folgenden acht Jahren – auf Einladung des BDY (damals: Berufsverband deutscher Yogalehrer) zu einem zweiwöchigen Weiterbildungsseminar nach Deutschland kam. Die Seminare mit ihm waren mitreißend und wie Swamiji selbst von einem besonderen Charme. Er lehrte den Integralen Yoga nach Swami Śivānanda, der praktische Übungen (āsana, prāṇāyāma und Meditation) mit den Yogawegen der Bhagavad Gītā verbindet.

Ich hatte das Glück, Swami Veṅkaṭeśānanda bis zu seinem mahāsamadhi 1982 häufig zu begegnen. Er war es, der 1974 die Räume meiner BDY-Schule eröffnet und ihr 1980 den Namen „Śivānanda-Yoga-Vedānta“ verliehen hat.

Swami Veṅkaṭeśānanda war ein begnadeter Vermittler der klassischen Philosophie des Vedānta, weil er mit beiden Kulturen, der indischen und der westlichen, sehr vertraut war. Er hat die wichtigsten Schriften des Vedānta – den Yoga Vāsiṣṭha, die Bhagavad Gītā, die Yoga Sūtras des Patañjali – ins Englische übersetzt, zum Teil in gekürzten Fassungen, die diese Texte auch westlichen Lesern leicht zugänglich machen. Ein Teil dieser Schriften wurde bereits von meiner Schwester Anne Schulz (Swami Krishnananda) ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht. Barbara Franz setzt diese Arbeit nun fort.

(Aus: Im Zwiegespräch mit Krishna, 2012)

Mehr über Swami Veṅkaṭeśānanda und Śrī Friedrich Schulz-Raffelt finden Sie in Artikeln des Deutschen Yoga-Forums.